Historische Mühlen und Dorfteiche in Höxter-Fürstenau

Von Josef Forst
In: "Die Warte", Ausgabe 184, Seiten 24-31

1. Dorfmühle

Der Ortskern Fürstenaus wurde und wird von zwei namenlosen Bächen entwässert. Dies sind der „westliche Bach“, der nördlich des heutigen Naturschutzgebietes „Auf dem Berenbruch“ entspringt und dann weiter, ebenfalls in nördlicher Richtung, die B 239 quert, in Höhe des östlichen Zipfels des jetzigen Gewerbegebietes „Steinknapp“ sodann die untere Schwertestraße vor deren Einmündung in die heutige Detmolder Straße passiert und schließlich nach der Unterführung der Kreuzung Detmolder/Bödexer Straße an der Greumesbergstraße entlangfließt, und der zweite, „östliche Bach“, der seinen Lauf wenige Meter westlich der jetzigen Straße „Im Schalksfeld“ beginnt. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts durchfloss der „östliche Bach“ westlich des jetzigen Abzweigs der Straße „An den Teichen“ von der „Hohehäuser Straße“ noch einen kleinen Teich,2 unterquerte später die „Detmolder Straße/ehemalige B 239“, um sich am Fuß der Straße „Möllerberg“ mit dem „westlichen Bach“ zu vereinigen. Beide Bäche sind heute weitgehend verrohrt. Die (Dorf-) Mühle Fürstenau lag unterhalb des Möllerberges am Zusammenfluss der beiden genannten Bäche. Die Dorfmühle begegnet uns in den Akten erstmals im Jahr 1630.3 Sie hieß auch zeitweise Meisen Mühle4 (nach dem Dreißigjährigen Krieg [1660-61]), Untere Mühle (1718)5 oder – zuletzt – Grundmühle (1783)6. Der Zeitpunkt ihrer erstmaligen Belehnung durch das Kloster Corvey ist ebenso unbekannt wie die übrigen Umstände ihrer Gründung. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist sie aber die älteste Mühle in der Gemarkung Fürstenau.
Lageplan der Mühlen der Gemarkung Fürstenau. Im Westen: die Paradiesmühle, östlich davon die Dorfmühle, westlich des Bödexer Greumesbergs: die Greumesbergmühle (Grunißberg-Mühle) und am östlichen Rand der Gemarkung Lomborn, nördlich des höxterschen Stadtforstes „Heiligengeisterholz“: die Lombornmühle. (Karte: DTK 50, Kreis Höxter, Geobasisdaten; Grafische Gestaltung: Michael Koch)
Heutiges Straßenschild „An den Teichen“ (Foto: J. Forst)
Von der natürlichen Wasserkraft dieser beiden soeben beschriebenen Bächlein, bei denen es sich in Trockenzeiten nur um Rinnsale handelt oder die oft sogar gänzlich trockenfielen und -fallen, konnte keine Mühle (wirtschaftlich) betrieben werden. Lediglich während der Schneeschmelze und bei Starkregenereignissen, z.B. einem Gewitterregen, wird das Wasser für den Betrieb einer Mühle ausgereicht haben. Deshalb nennt man derartige Mühlen auch „Donner-“ oder „Gewittermühlen“. Drei Beispiele dieser Mühlenart fanden wir in unmittelbarer Nähe zu Fürstenau, und zwar die Obere Niese-Mühle7, die Wassermühle des Grafen Metternich in Hohehaus8, wobei ihr Mühlenteich vergleichsweise groß war, sowie die Mühle des Weilers Saumer, auch Wassermühle Struck (Dalpens) genannt,9 die jedoch erst Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet wurde. Wilhelm Struck wusste dem Verfasser der zuletzt zitierten Quelle, Tobias Felcher, zu berichten: „Nach dem Mahlen von sieben oder acht Säcken Korn war der Teich (mit dem das junge Saumerbächlein aufgestaut wurde) aber schon leer, und der Bach musste wieder gestaut werden.“

Exkurs: Dorfteiche

Teiche, also stehende Gewässer, die im Gegensatz zu Seen mit Wasser gefüllt (aufgestaut) und abgelassen werden können,10 spielten schon im frühen Mittelalter als Befestigungsmittel von Burgen und Städten eine wichtige Rolle, ebenso als Speicherbecken für den Antrieb von Mühlen, wenn zu deren Funktionieren nur wenig Wasser floss.11 Diese Tatsachen einerseits sowie die Lage der Teiche an der Ostseite von Stadt und Burg Fürstenau, die 1346/48 gegründet wurden,12 und die Begrenzung der Teiche durch eine noch heute erkennbare Geländekante, d.h. die Stützmauer(n) als östliche Begrenzung der Gärten der Hausgrundstücke an der Hohehäuser Straße und der Detmolder Straße (früher) und zur heutigen Straße „An den Teichen“ andererseits, sprechen für die Anlage der Teiche in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist hierbei auch, dass nach der Literatur die zentraleuropäische Teichwirtschaft ihre Blüte im 14., 15. und 16. Jahrhundert hatte,13 ihre eigentliche Blütezeit aber erst in der Zeit nach der ersten Welle des „Schwarzen Todes“, also der Beulenpest, die nach der Literatur für das östliche Westfalen in das Jahr 1349 bestimmt wird,14 erlebte.
Bei den Fürstenauer Dorfteichen handelte es sich um Warmteiche im Tiefland oder sommerwarme Flachgewässer, die im Wesentlichen für Cypriniformes (karpfenartige Fische), zu denen neben dem Karpfen auch die Schleie und die Karausche gehören, in fischereibiologischer Hinsicht ein Optimalstandort für die Aufzucht von Fischen sind. Als Beifisch wurde gleichzeitig oft der Hecht aufgezogen. Das Wichtigste in der Karpfenteichwirtschaft war und ist die Naturnahrung. Dazu zählen Phytoplankton, z.B. Algen und Zooplankton, z.B. Daphnien, das sind Wasserflöhe, Hüpferlinge und Rädertierchen sowie Bodentiergruppen. Die Entwicklung der letztgenannten Arten wurde durch das Belüften der Teiche nach dem Ablassen zum Antrieb der Dorfmühle begünstigt.15
Die drei Teichgrundstücke in Fürstenau, Flur XVIII, Flurstück 73 (oberer, erster Teich) sowie Flurstücke 141 und 142 (unterer, zweiter Teich) im Urkataster 1831 (Abb.: Geobasisdaten Kreis Höxter 51 B1 – 660/17; Layout: J. Forst)
Die Situation im Jahr 2017: Bei der mit rotem Sand gefüllten und der gepflasterten Fläche im Vordergrund sowie der des Weges und des Rasens in der linken Bildmitte handelt es sich um die ehemaligen Flächen des unteren und des mittleren Teichs, heute Festplatz, rechts daneben der schmale Weg, der früher am Teich entlangführte, und daran anschließend die Stützmauer(n), deren Vorgänger möglicherweise früher Teil der Befestigung waren. Im Hintergrund zwischen den Bäumen das ehemalige, 1960 errichtete Gefrierhaus; 1990 wurde es für Zwecke des Gemeindearbeiters an die Stadt Höxter verkauft. (Foto: J. Forst)

Seit seiner Gründung im Jahr 822 galt im Benediktinerkloster Corvey die Regel des Benedikt von Nursia (480-543). Ausdrücklich verbietet Benedikt darin den Mönchen den Genuss von vierfüßigen Tieren, wobei der damals noch sehr verbreitete Biber (ndt.: Bever) zu den Fischen gezählt wurde.16 Das postulierte Fleischverbot blieb grundsätzlich während des ganzen Mittelalters für die benediktinisch geprägten Klöster bestehen. Fische galten als „Flussgemüse“ und waren daher erlaubt. Daraus folgt die große Bedeutung der Fischerei im Allgemeinen und auch für das schon bald nach seiner Gründung vergleichsweise große Kloster Corvey im Besonderen. So legte Corvey in seinem Kerngebiet, das weitgehend mit dem jetzigen Stadtgebiet von Höxter identisch ist, über 20 Fischteiche an, beispielsweise den Fürsten- und den Krügerteich beim Kloster sowie den Mühlenteich in Blankenau.17

Die älteste schriftliche Quelle für die vom Kloster (Stift) Corvey angelegten drei Teiche in Fürstenau datiert aus dem Jahr 1617. Darin heißt es: „unsere drej ihn unsere Dorfschafft Furstenaw belegenen Fischteiche“. Im Folgenden bezeugen zahlreiche Belege, in denen ein mittlerer, teilweise auch zweiter Teich erwähnt wird, die andauernde Existenz dreier Teiche,18 die sich vom ersten Damm im Bereich der jetzigen Detmolder Straße (erster oder unterer Teich) bis zum dritten (oder oberer Teich genannt) hinter der späteren Corveyer Domäne in Fürstenau, dem jetzigen Hof Schulte, erstreckten.

1630, also nur 13 Jahre nach der Ersterwähnung der Teiche, erfahren wir von einer Mühle in Fürstenau: „deren Muhlen zu Forstenauwe gelegen“.19 1660/61, als die schriftliche Überlieferung nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges im Stift Corvey wieder einsetzte, ist für Fürstenau erstmals ein „mittlerer Teich“ erwähnt.20 Er setzt begrifflich voraus, dass es seinerzeit zumindest noch einen oberen und einen unteren Teich gab. Wie oben ausgeführt, gibt es vergleichsweise viele schriftliche Quellen, die drei Dorfteiche in Fürstenau belegen.21 Über den Bau der Teiche aber sind weder schriftliche Unterlagen vorhanden, noch liegen dazu archäologische Befunde vor. Wir sind hierzu allgemein, insbesondere aber auch zum Zeitpunkt ihrer Anlage auf Vermuungen angewiesen. Dabei sind folgende Fakten zu berücksichtigen: Die für Fürstenau bis 1774 zahlreich archivalisch belegte, im Vergleich zum früheren Hälterbetrieb mit nur einem Teich vergleichsweise komplizierte dreistufige Teichwirtschaft war seit dem Spätmittelalter in Zentraleuropa üblich. Bei der dreistufigen Teichwirtschaft wurden Fische, insbesondere Karpfen, je nach Wachstumsstadium in drei Teichen gehalten: Die Elterntiere und der Laich im sogenannten Laich- oder Mutterteich, die einjährigen Kärpflein (Heuerlinge) im Streckteich und die erwachsenen Tiere im Setzteich. Der fürstlich corveyische Küchenmeister und Kellner bestätigt uns in seinem Tagebuch betreffend Fischerei, Jagd und Weinkeller 1711-1714, wie die dreistufige Teichwirtschaft seinerzeit in Fürstenau funktionierte. So hat er uns überliefert, dass der Unterteich zu Fürstenau im Oktober 1709 mit 200 einpfündigen Karpfen besetzt wurde.22 Im April 1710 wurden danach noch zweimal 300 kleine Karpfen zugesetzt. Schließlich wurde dieser Teich am 22. März 1714 abgefischt. Die gefangenen Karpfen wurden in den großen Stiftsteich gesetzt. Das war wahrscheinlich der mittlere Teich. Der Unterteich wurde anschließend wieder „mit 1000 kleinen, eines guten Fingers langen Karpfen aus dem oberen Teich zu Fürstenau besetzt“.23
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war noch jeweils ein kleiner Rest des „Oberen Teichs“ sowie des „Unteren Teichs“ vorhanden (Auszug aus Messtischblatt 2296, Neue Nr. 4121, Blatt Schwalenberg 1:25 000, Preußische Landesaufnahme 1898, berichtigt 1912, einzelne Nachträge 1937; Layout: Michael Koch)
Als letzter Rest der drei Teiche ist nur noch ein Teil des „Oberen Teichs“ verblieben. Der Stadtplan bildet aber insoweit nur die Situation bis 1963 ab. (Auszug aus „Stadtplan Höxter“ 1:20 000, 3. Auflage, o. J. [ca. 1981], RECO Kartographie und Verlag; Layout: Michael Koch)

Neben den drei Dorfteichen wurde vom Kloster Corvey in der Gemarkung Fürstenau noch der Meinteteich angelegt.24 Diese vier Teiche umfassten eine Fläche von insgesamt 0,5231 ha.25 Da der Meinteteich vergleichsweise klein ist, erstreckten sich die Dorfteiche auf eine Fläche von etwa 0,5 ha. Das Fischereirecht lag ausschließlich beim Stift Corvey. Gewiss werden aber auch damals bereits eine Reihe Fürstenauer gewusst haben, wie Karpfen schmecken. Wie ausgeführt, dienten die Teiche vermutlich zunächst als Befestigungsmittel, also zur Verteidigung. Hinzu kam ihre Aufgabe als Fischteich, um sodann ihre Rolle zum Mühlenantrieb zu erfüllen. Neben den drei Teichen gab es in Fürstenau kein anderes permanentes Gewässer. Deshalb werden sie schon früh auch als Feuerlöschteiche gedient haben. Aus demselben Grund werden auf den Dorfteichen auch die Fürstenauer Gänse und Enten gepaddelt haben. Bis zur Fertigstellung der zentralen Wasserversorgungsanlage 1955 26 haben die Teiche für die Fürstenau-er Haushalte, die nicht über einen Brunnen verfügten, als Viehtränke gedient. Ferner wurden früher im Winter aus der Eisdecke der Teiche Blöcke herausgesägt, um verderbliche Lebensmittel zu kühlen und sie damit haltbar zu machen. Schließlich wurde dem Verfasser glaubhaft versichert, dass die Kinder noch nach dem Zweiten Weltkrieg im Winter auf den Überbleibseln der zugefrorenen Dorfteiche spielten. Schließlich sind heute alle drei ehemaligen Dorfteiche verfüllt. Die unteren beiden dienen heute als Festplatz.

Wie oben dargestellt, ist 1774 letztmalig der mittlere Teich als Beleg für die Existenz von drei Dorfteichen in Fürstenau urkundlich erwähnt. Der 1831 gezeichnete Urriss der Flur XVIII von Fürstenau als Teil des Urkatasters führt uns vor Augen, dass zu dieser Zeit nur noch der obere Teich sowie ein aus mittlerem und unterem Teich vereinigter zweiter Teich vorhanden waren. Der Damm, der früher den mittleren und den unteren Teich trennte, wurde also in der Zwischenzeit beseitigt. Im Kataster sind aber nach wie vor drei Teichflurstücke vorhanden, nämlich Flurstück 73 (oberer, erster Teich) sowie die Flurstücke 141 und 142 (zweiter Teich). Die Trennlinie zwischen den letzteren beiden Flurstücken im Urriss ist wahrscheinlich mit dem Verlauf des früheren Dammes zwischen mittlerem und unterem Teich identisch.

Dorfmühle – Fortsetzung

Die 1660/61 auftauchende Bezeichnung „Meisen Mühle“27 verweist auf einen ehemaligen Besitzer der Mühle mit dem Familiennamen Meise (ndt.: Meese). Dieser Name war und ist in unserer Gegend, z.B. in Fürstenau, Bödexen und Niese, verbreitet. So ist im Schatzregister anno 1672 in Fürstenau ein Hermen Meisen bezeugt.28 Ferner ist in der Fürstenauer Flur XIV – Lüchte – in den Jahren 1679, 1717, 1746 1749 29 und 1760 30 sowie im Ur kataster von 1831 die Bezeichnung Meisen- oder – niederdeutsch – Meesenfeld belegt. Schließlich trug das „Haus Fürstenau Nr. 115“, ab 1955: „Grabenstr. 3“, ab 1971: „Im Graben 3“, noch bis in die 1970er-Jahre den Hausnamen „Meise(n)“ (Schäfer/Therese Zumbusch).

Ein Beleg des Schlossarchivs Corvey aus dem Jahr 1718 lautet u.a.: „fließet das Waßer von dem teiche ab nach der unteren Mühlen“.31 Er zeigt uns, dass die Dorfmühle zu dieser Zeit auch untere Mühle oder Untermühle genannt wurde. Vieles spricht jedoch dafür, dass es sich schon damals um die Grundmühle handelte, die unter diesem Namen für Fürstenau 1783 und 1796 schriftlich belegt ist.32 Von dieser durch die beiden Teiche und ihren Zulauf angetriebenen Mühle zeugen der Eintrag in der um 1800 entstandenen Karte von Le Coq sowie der als Straßenname überlieferte „Möllerberg“, an dessen Fuß die Mühle lag.

Das Straßenschild „Möllerberg“ weist noch heute darauf hin, dass an dessen Fuß einstmals eine Mühle lag. (Foto: J. Forst)
Erstes Verzeichnis (Mühlensymbol) der Fürstenauer Dorfmühle in einer Karte. Die Mühle ist allerdings unzutreffend am westlichen Bach statt an dem von den Teichen kommenden Bach verortet. (Ausschnitt aus: „Karte eines Theils von Hannover, Braunschweig, Lippe-Detmold ..., Corvey und der Grafschaft Pyrmont“ [um 1800] von General-Major Le Coq 1805, reproduziert nach Originalabzügen, die sich im Besitz des Topographischen Dienstes in Delft/NL befinden, hrsg. v. Landesvermessungsamt Niedersachsen 1984; Reproduktion: LVA NRW)

Der vorletzte Müller dieser Mühle, Johannes Vogt, der um das Jahr 1796 verstarb, war mit ihr beleibzüchtigt. Die Mühle Fürstenau durfte zu dieser Zeit nur noch schroten und Gerste schälen. Müller Börns aus Fürstenau heiratete die Witwe des verstorbenen Vogt und bat 1796 um eine neue Konzession für weitere sechs Jahre, für die er jährlich sieben Reichstaler (Rtlr.) 18 Groschen zahlen musste. Außerdem bat er um Pacht der Bödexer Mittelmühle, die durch den Wechsel des Müllers Johannes Kiel in die Weiße Mühle frei geworden war. Im Vergleich dazu war für die wesentlich lukrativere Bödexer Mittelmühle eine jährliche Pacht von 60 Rtlr. zu zahlen. Mahlgäste aus Fürstenau und Bödexen waren Ende des 18. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf die Mittel- und die Voßmühle in Bödexen „angewiesen“ bzw. auf diese Mühle gebannt.

Im Verzeichnis der Meierhöfe und Mühlen des Fürstentums Corvey von 1805 33 ist für Fürstenau eine Mühle mit dem Müller Ferdinand Böhrens (Börns) aufgeführt, für deren Wasserfall er eine jährliche Recognition, also eine Anerkennungsgebühr, von 5 Rtlr. an Corvey abzuführen hatte. Dies ist der mit Abstand niedrigste Betrag für eine der drei gelisteten Corveyer Kammermühlen (neben der Mühle Fürstenau die Obermühlen in Bödexen [12 Rtlr.] und Ovenhausen [20 Rtlr.]). Auch im „Staats- und Adreszbuch für die Fürstenthümer Fulda, Corvey ... für das Jahr 1806“ ist in Fürstenau eine Mühle verzeichnet. An ihrer Identität mit der Dorfmühle bzw. der Grundmühle besteht kein Zweifel. Daraus folgt, dass in der Mühle Fürstenau mindestens bis zum Jahr 1806 noch Korn gemahlen wurde. Ferdinand Börns, der letzte Müller der Dorfmühle Fürstenau, stirbt im Jahr 1808. Die dargestellten persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse erklären, dass die Mühle in keiner der Karten und Verzeichnisse zum Urkataster 1831 mehr nachgewiesen ist.

Neben den tatsächlichen Gegebenheiten spielten für die Existenz der Mühlen im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit, bis ins 19. Jahrhundert hinein auch deren rechtliche Verhältnisse, insbesondere der Mühlen-bann und der Mühlenzwang, eine bedeutende Rolle. Im hohen Mittelalter hatte sich das Mühlenregal schon weitgehend gewohnheitsrechtlich ausgebildet. Bereits zu dieser Zeit wurde es immer zahlreicher von den Landesherren (hier: Kloster Corvey) beansprucht.34 Mühlenbann und Mühlenzwang hatten ihre Grundlage in den Königsrechten, den Regalien (iura regalia). Zu ihnen zählte aufgrund des Privilegs von Friedrich Barbarossa für Asti von 1159 explizit auch das Mühlenregal.35 Der Mühlenbann verbot die Errichtung und den Betrieb weiterer Mühlen im Banngebiet. Der Mühlen- bzw. Mahlzwang ergänzte den Mühlenbann, indem er die Mahlgäste verpflichtete, ihr Korn in einer bestimmten Mühle mahlen zu lassen.36 Da der Mahlzwang im Mittelalter aus einem grundherrlichen Bannrecht entstanden ist,37 wurden und werden die Begriffe Mühlenbann und Mühlenzwang teilweise auch synonym verwendet. Für Fürstenau galt aber die Besonderheit, dass die Einwohner wegen der geringen Leistungsfähigkeit ihrer Mühle nicht nur auf diese, sondern ausweislich von Ausschreibungen zur Verpachtung von vier Bödexer Mühlen, nämlich der Ober-, Mittel-, Voß- sowie der Weißen Mühle 1807, 38 auch auf die ersten drei gebannt waren bzw. noch auf Letztere gebannt werden sollten. Im Übrigen waren auf die Weiße Mühle noch die seinerzeit 104 Familien in Stahle gebannt. In einer im Dezember 1806 erfolglos vorausgegangenen Ausschreibung des „Fürstlichen Rentamts Corvey“ sollten lediglich die bereits genannten 104 Familien aus Stahle, also ohne die Fürstenauer Einwohner, auf die Weiße Mühle gebannt werden.39
Beginn des zweisprachigen (französisch/deutsch) Bulletins der Gesetze und Decrete (Gesetz- und Verordnungsblatt) vom 7. Dezember 1807, mit dem die „Constitution“ (Verfassung) des Königreichs Westphalen bekannt gemacht wurde. Mit deren Artikel 10 und 11 wurden der Mühlenbann und der Mühlenzwang im Königreich Westphalen, also auch in den Corveyer Gemeinden, abgeschaft.
Urkunde vom 11. November 1622, mit der Johann Christoffer, erwählter Administrator von Corvey, samt Kapitel dem Meister Thonießen Brennecken aus Höxter bewilligt, unterhalb des Greumesberges zwischen Fürstenau und Bödexen eine neue Mühle zu errichten (Abb. LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, Urkunde 1125)

Nach dem Frieden von Tilsit wurde von Napoléon Bonaparte (Napoléon I.) im August 1807 für seinen jüngeren Bruder Jérôme (Hieronymus) das Königreich Westphalen geschaffen, zu dem auch Corvey u.a. mit Fürstenau und Bödexen sowie das „Bisthum Paderborn“, zudem auch Hohehaus und Saumer gehörten.40 Mit der Constitution des Königreichs Westphalen, die Jérôme am 7. Dezember 1807 in Kraft setzte,41 erhielt das Land eine schriftliche Verfassung, mit deren Artikel 10 (Gleichheit aller vor dem Gesetz) und 11 (Aufhebung aller Korporationen sowie aller Privilegien besagter Korporationen, Städte und Provinzen) in Verbindung mit dem Dekret über die Einführung der Patent- und Gewerbesteuer vom 5. August 1808 der Mühlenbann und der Mühlenzwang aufgehoben wurden.42 Dies war jedoch zunächst stark umstritten, bis der König das 1809 explizit klarstellte.43

Durch die Aufhebung des Mühlenbanns konnten neben der Ober-, Mittel- und Voßmühle in Bödexen seit der Jahreswende 1806/07 auch zusätzlich noch die Weiße Mühle in Bödexen sowie die Mühlen in Hohehaus und Saumer auf den Fürstenauer Markt drängen. Schließlich wurde in dem Zeitraum zwischen 1805 und 1831 noch die Paradiesmühle als Mahlmühle gegründet, die der Mühle Fürstenau Konkurrenz machte und wahrscheinlich letztlich zu deren Aufgabe beitrug.

2. Lomborn-/Lumbornmühle

Die genaue Lage der Lombornmühle ist nicht überliefert. Urkundlich belegt ist aber, dass die Mühle an der Schelpe in der damaligen großräumigen Fürstenauer Flur Lomborn lag.44 Die Schelpe entspringt in einem Quellbereich südlich von Hohehaus und fließt dann nördlich vom Heiligengeisterholz, teilweise an der Kreisstraße 52, die von Bremerberg zur B 239, der ehemaligen Bremer Straße, auf die Brenkhäuser Teiche zuführt, um sich unmittelbar vor der B 239 mit dem aus Richtung Fürstenau kommenden namenlosen Bach zu vereinigen. Dass die Schelpe südlich von Hohehaus entspringt, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass in der Geografie ein fließendes Gewässer regelmäßig nach dem von seiner Mündung entferntesten Quellbach bzw. -fluss benannt wird. Bei der Schelpe ist dies eindeutig der Quellbereich südöstlich von Hohehaus. Daraus folgt, dass diese Mühle am östlichen Rand der Gemarkung Lomborn, also in der Nähe der Grenze zu Brenkhausen bzw. zum Heiligengeisterholz, gelegen haben muss. In der Deutschen Grundkarte, Blatt Heiligengeisterholz,45 ist am Westrand dieses im Eigentum der Stadt Höxter stehenden Waldgebietes noch heute die Flurbezeichnung „Mühlenberg“ ausgewiesen. Eine andere Mühle als die Lombornmühle kommt als Namensgeberin für diese Flurbezeichnung nicht in Betracht. „Mühlenberge“ liegen regelmäßig direkt oberhalb der namenprägenden Mühle(n), vgl. z.B. den Mühlenberg in Bödexen und den Mühlenberg in Ottbergen sowie – nicht zuletzt – den Möllerberg in Fürstenau. Marleen Willemsen verortet die Lombornmühle dagegen etwas weiter östlich, in der Nähe des oben beschriebenen Kreuzungsbereiches der K 52 mit der B 239, in der heutigen Brenkhäuser Gemarkung. Wenn die Annahmen von Willemsen zutreffend wären, hätte die Mühle nicht am Fuße des Mühlenberges und – wahrscheinlich – auch nicht in der Flur Lomborn gelegen, da dieses Gebiet seit der Erstellung des Urkatasters (um 1830/31) zur Gemarkung Brenkhausen gehört und auch seit der Existenz der Mühle in diesem Bereich keine Grenzänderungen zwischen Fürstenau und Brenkhausen bekannt sind. Nach Willemsen spricht einiges dafür, dass die Mühle unweit der Stelle gelegen hat, die auch heute noch „An den Teichen“ heißt.46 Unterhalb davon liegt die „Grabenbreite“, von der 1610 berichtet wird, sie liege hart bei der Mühle.47 Marleen Willemsen berichtet ferner, dass im Urkataster ein „Lombornskamp“ verzeichnet sei, der sich an die „Grabenbreite“ anschließe. Schließlich verweist sie auf die heutige „Deutsche Grundkarte“ (DGK 50), in der sich südlich des „Lombornskamp“ eine „Mühlenwiese“ befinde. Es ist jedoch mindestens ebenso wahrscheinlich, dass die Mühlenwiese ihren Namen im Zusammenhang mit dem Mühlengraben erhalten hat, der an ihr beginnt und dessen Wasser einst die beiden Brenkhäuser Mühlen antrieb.
Auszug aus der Karte von Marleen Willemsen auf der Grundlage des Messtischblatts 4121 Forsthaus Heiligengeisterholz (35.22/57.40). Darin hat sie die „Lomborner Mühle“ und die „Alte Mühlenstätte“ östlich des jetzigen Aussiedler-Gehöftes „Heiligengeisterholz 2“ – und damit in der heutigen Gemarkung Brenkhausen – verortet. (Karte: Willemsen: Die Flurnamen der Stadt Höxter, 1992, Stadtarchiv Höxter)

Zahlreiche Quellen berichten von dieser Mühle und ihrer Mühlenstätte östlich der Ortschaft Fürstenau.48 Ein „Lomborner Mühlenbrief“ aus dem Jahr 1578, der nur in abschriftlicher Überlieferung vorliegt, ist wahrscheinlich der älteste schriftliche Beleg über eine Mühle in der Gemarkung Fürstenau.49 Mit dieser Urkunde verpachtet der Corveyer Abt Reinhard II. von Bocholtz (15551585) die Lomborner Mühle „samt einem busch gelegen vor berinckhaußen am hoepe oben uff den berge“. Ein Beleg aus dem Jahr 1586,50 mit dem Dietrich IV. von BeringhauBeringhausen (1585-1616), unmittelbarer Nachfolger des zuvor genannten Abtes Reinhard, den Müller Viet Klukisten mit der Mahl- und Ölmühle auf der Schelpe im Lomborn mit allem Zubehör belehnt ist – soweit ersichtlich – das zweitälteste Schriftstück über eine Mühle im Lomborn. Die Familie Klu(c)kisten war in Höxter ansässig.51 Infolge der Belehnung wurde die Mühle auch Lehnmühle genannt. Zu ihr gehörten u.a. ein Mühlenteich, ein eingezäunter Mühlendamm, der mit drei Eichen bestanden war, sowie ein Baumhof, d.h. ein Obstgarten. Der Müller wurde seinerzeit „Lomborner Müller“ oder einfach „Lomborner“ genannt.52

In einem Protokoll aus dem Jahr 1696 berichten die beiden hochbetagten Männer Hanß Quest (90 Jahre) und Hanß Beverungen (76 Jahre), dass sie als Kinder die Lomborner Mühle noch „in völligen“ gesehen hätten und dass es ein „schön gebew gewesen“. Die Mühle sei nach einem Überfall der Höxteraner von denen abgebrochen worden. Möglicherweise bezieht sich dies auf die Höxteraner Rebellion 1601 1604. Wenn man das Alter der beiden Zeitzeugen zugrunde legt, kann aber auch gefolgert werden, dass die Lomborner Mühle erst etwa zwischen 1613 und 1625, also kurz vor oder am Beginn des Dreißigjährigen Krieges, vollständig zerstört wurde.53 In einem 1696 zwischen Corvey und Brenkhausen geschlossenen Vertrag ist folglich von einem ehemaligen Mühlenteich, der zum Zeitpunkt der Erstellung der Urkunde Corveyer Fischteich im Lomborn gewesen sei, die Rede.54

3. Greumesbergmühle (Greinißberg-/Grunißbergmühle)

Diese Mühle lag an der Saumer westlich des Bödexer Greumesberges, wo der aus Fürstenau kommende Bach in die Saumer mündet. Corvey verlieh mit Urkunde vom 11. November 1622 55 dem Meister Thonießen, einem Bürger der Stadt Höxter, das Recht, in der Gemarkung Fürstenau an der Saumer, unterhalb des Greumesberges, also in unmittelbarer Nähe der Grenze zwischen Fürstenau und Bödexen, eine neue Mühle zu errichten. Die Urkunde lautet wie folgt: „Wir Johann Christoffer, erwählter Administrator, Johannes Prior, Herboldus Kellner und das ganze Kapitel des kaiserlichen freien Stifts Corvey tun kund und bekennen hiermit vor uns, unserem Stift und unseren Nachkommen, dass wir von unserem ehrbaren Untertanen, Meister Thonießen Brennecken, Bürger unserer Stadt Höxter (Huxar) ein neues Mühlengefälle mit einem Gerinne zwischen Fürstenau (Forstenaw) und Bödexen (Bödecksen) unter dem Greumesberg (Kreinißberge) zu bauen untertänigst ersucht, solches gnädig und günstigst zu bewilligen und nachgegeben: 1. Er soll an vorgedachtem Orte unter dem Greumesberg auf seine Kosten und von seinem Gehölz eine Mühle oder Mahlwerk mit einem Gerinne bauen und verfertigen. 2. Wenn es ihm aber an Holz mangeln sollte, soll von unseren Försten um die billige Gebühr ihm dasselbe angewiesen und geliefert werden: Brenn- und Bauholz, soviel er davon für die Mühle benötigt. – Dafür soll er uns, unserem Stift und unseren Nachkommen jährlich um Michaelis (11. November), wenn das Hoff-, Kamp- und Wiesengeld zu Fürstenau und Bödexen eingefordert wird, beginnend im Jahr 1623, in unsere Kämmerei zehn Reichsthaler oder deren (Gegen-)wert an Reichsmünze entrichten. Für den Fall, dass er beabsichtigt, in der oben beschriebenen Mühle Vieh, wie Kühe, Schweine, Hühner, Gänse oder anderes zu halten, kann solches mit unserer Zustimmung ohne Schaden geschehen. Er soll auch den benachbarten Mühlen die Mahlgäste nicht mit unzulässigen Praktiken ausspannen und demjenigen, der zu ihm zum Mahlen kommt, treu und gebührlich mahlen und … Er soll ferner auch andere Mühlen nicht anders auftun, versetzen, verkaufen, vertauschen und anderen überlassen, ohne unseren Konsens und unsere Einwilligung.“
Der Satz in der Urkunde, dass der Greumesbergmüller den benachbarten Mühlen die Mahlgäste nicht mit unzulässigen Praktiken ausspannen sollte, war offensichtlich nur „weiße Salbe“, die bekanntlich allein nach außen als Placebo, also ohne Wirkstoff, dienen sollte. Wenn z.B. 120 potenzielle Mahlgäste sich nun auf fünf anstatt vorher auf vier Mühlen verteilten, weil 1623 eine Mühle zusätzlich ihre Dienste anbot, war klar, dass der Umsatz der vorher vorhandenen Mühlen entsprechend zurückging. Die benachbarten Müller, insbesondere die aus Fürstenau und Bödexen, werden den Bau der zusätzlichen Mühle daher sehr argwöhnisch beobachtet und in Corvey dagegen interveniert haben. Hierüber gibt es zwar – möglicherweise wegen der mangelhaften schriftlichen Überlieferung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit – keine Dokumentation; es ist aber sehr wahrscheinlich. Diese Mühle wird in den überlieferten Quellen – soweit ersichtlich – nur noch einmal erwähnt. In einem sehr umfangreichen Einnahmen-und-Ausgaben-Verzeichnis für die Jahre 1649/50 ist von einem Kamp „wegen der Mollen zhwischen Forstenaw und Boxsen ...“ die Rede.56 Daraus folgt, dass die Greumesbergmühle tatsächlich errichtet worden ist. Reste ihres Mühlengrabens sind heute noch erkennbar. Die Mühle wird allerdings nicht sehr lange gearbeitet haben, da außer den genannten zwei Belegen kein weiterer schriftlicher Nachweis von ihr bekannt ist. Da bei ihrem Bau bereits der Dreißigjährige Krieg tobte, ist sie möglicherweise in dieser Zeit zerstört und wegen der großen Konkurrenz aus Bödexen und Fürstenau nicht wieder aufgebaut worden. Eine vergleichsweise dichte schriftliche Überlieferung setzt in Corvey – wie bereits erwähnt – erst 1660/61 mit dem Beginn der Regentschaft des münsterschen Bischofs Christoph Bernhard von Galen als Administrator des Fürstentums Corvey wieder ein.

4. Paradiesmühle

Die Paradiesmühle, im 20. Jahrhundert vom Volksmund auch „Höpper-Mühle“ genannt, lag rund 700m nördlich des Ortskerns von Fürstenau und etwa 1400 m östlich der Saumerquelle, die im Weiler Saumer zwischen Löwendorf und Fürstenau entspringt. Unmittelbar östlich der ehemaligen Bundesstraße 239 speiste die junge Saumer bereits die Dalpens-Mühle und ihren Mühlenteich mit ihrer Wasserkraft. Bis zur Paradiesmühle wurde die Saumer noch durch einen Zufluss aus der Meinte, einem weiteren Quellzufluss aus dem sogenannten Gösselgrunde, der die junge Saumer hinter der Dalpens-Mühle beidseitig begleitet, sowie durch eine rechtsseitige Einmündung verstärkt.57 Da die Mühle in Saumer nur funktionierte, wenn das Schütt aufgezogen wurde, sodass sich der dortige Teich entleerte, hatte die Paradiesmühle auch einen Stauteich mit dem entsprechenden Betriebsgraben. Das Fischrecht in diesen beiden Gewässern beanspruchte der „Paradiesmüller“.58 Die Paradiesmühle ist erstmals im Urkataster der Gemeinde Fürstenau vom Juli 1831, die damals zum Canton Albaxen gehörte, in der Flur XIX – Humbolzen –, Flurstück 168, aufgeführt. Damals handelte es sich noch um eine sehr kleine Mühle ohne Nebengebäude. Die Anschrift lautete zunächst „Fürstenau Nr. 74“, später „Köterbergstraße 3“ und ab 1971 „Paradiesweg 3“. Es wird sich bei der Paradiesmühle 1831 noch um eine reine Getreidemühle gehandelt haben. Sie ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erst nach Aufhebung des Mühlenbanns 1807-1809 errichtet worden (siehe oben). Jedenfalls liegen keine älteren Belege vor, die für eine frühere Existenz dieser Mühle sprechen. Wie die Anträge einschließlich der Antragsunterlagen von 1894 und 1920 belegen, wurde die Mehlmüllerei – wegen der großen Konkurrenz insbesondere durch die Bödexer Mühlen – aber schon bald gänzlich eingestellt. Stattdessen wurde der Mahl-betrieb auf einen Schrotgang reduziert und die verbleibende Wasserkraft für den Antrieb diverser Maschinen genutzt. Zu dieser Zeit war sie im Grundbuch von Fürstenau, Band 23, Blatt 1125 eingetragen.59

Im November 1894 beantragte die „Witwe Mühlenbesitzer Lorenz Zimmermann zu Fürstenau“ die Anlage einer Sägemühle nebst Dreschmaschine beim „Königlichen Landraths amte zu Höxter“ auf dem Grundstück der Paradiesmühle. Landrat Koerfer machte dieses Gesuch am 8. Januar 1895 in der Huxaria öffentlich bekannt und wies darauf hin, dass etwaige Einwendungen innerhalb von 14 Tagen auf dem Landratsamt schriftlich oder zu Protokoll anzubringen seien. Da offensichtlich keine Einwendungen erhoben wurden, wurde die Genehmigungsurkunde für die Sägemühle mit einer Stauanlage sowie einem „Wassertriebwerk“ erteilt.60 Den Bau sollte nach dem Antrag der Witwe Zimmermann Mühlenbauer G. Giese aus Holzminden ausführen. Zu diesem Zeitpunkt bestand bereits in dem nördlichsten Gebäude auf dem Mühlengrundstück, an dessen Nordecke ein eiserner Bolzen in Höhe von 232,33 m über N.N. gesetzt war, seit einigen Jahren die erste Molkerei von Fürstenau. Im Jahre 1920 war sie dort aber bereits nicht mehr vorhanden.

Die Paradiesmühle im Übersichtshandriss der Gemeinde Fürstenau, Flur XIX, „Auf’m Humbolzen“, von 1831 (Geobasisdaten Kreis Höxter 51 B1 – 660/17; Layout: J. Forst)
Lage- und Nivellements-Plan zu der Umwandlung der Paradiesmühle von einer Mahlmühle in eine Sägemühle nebst Dreschmaschine vom Oktober 1894 (Die Saumer wird in ihrem Lauf an der Grenze zwischen Fürstenau und Bödexen auch Steinbach genannt.) (Abb.: Stadtarchiv Höxter)
Paradiesmühle mit Mühlengräben und der Saumer (Mitte) im Ausschnitt aus der „Zeichnung zum Antrage auf Eintrag und Sicherstellung im Wasserbuch ggfs. Neuverleihung der Wasserrechte für die Wasserkraft“ von Besitzer Josef Wehrmann vom November 1920 (Abb.: Kreisarchiv Höxter; Layout: Michael Koch)
1920 beantragte der neue Eigentümer der Paradiesmühle, Josef Wehrmann, der nunmehr nicht mehr als „Müller“, sondern als „Maschinenbesitzer“ bezeichnet wird, die Sicherstellung seiner Rechte im Wasserbuch für die Wasserkraftanlage der Paradiesmühle.61 Zu dieser Zeit verfügte die „Mühle“ über einen 7 m breiten Stauteich, ein außergewöhnlich großes, oberschlächtiges Wasserrad mit einem Durchmesser von 7,50 m und einer Breite von 0,67 m. Neben einem Schrotgang trieb das Rad damals auch noch die Dreschmaschine, die Säge und andere Maschinen in der auf dem Grundstück betriebenen Schreinerei an.62 Die Sägemühle wurde für diese Zweckbestimmung noch bis in die 60er-/70er-Jahre des 20. Jahrhunderts genutzt.63 Mit der Stilllegung der Paradiesmühle ging eine ca. 400-jährige schriftlich dokumentierte Mühlengeschichte in Fürstenau zu Ende. Möglicherweise existierte die Dorfmühle im Zusammenhang mit den Dorfteichen bereits seit der Mitte des 14. Jahrhunderts, sodass die Fürstenauer Mühlengeschichte noch weitere 220 Jahre zurückreicht und somit insgesamt etwa 620 Jahre umfassen würde.
Quellen

1 Die archivalischen Fundstellen zur Mühle Fürstenau, zu den Dorfteichen sowie zur Lombornmühle entstammen insbesondere: Marleen Willemsen, Die Flurnamen der Stadt Höxter, Namenband, unveröffentl. Ms., o.J. (ca. 1992) (Exemplar im Stadtarchiv Höxter). Marleen Willemsen gebührt insofern mein besonderer Dank. Ebenfalls zu Dank verpflichtet bin ich Michael Koch, Stadtarchivar in Höxter, für seine Unterstützung, insbesondere für konstruktive Kritik und für seine Hilfe bei der Erstellung der Abbildungen.

2 Vgl. in diesem Heft die Abbildung auf Seite 26, unten.

3 Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abt. Westfalen (im Folgenden: LAV NRW W), Kloster Brenkhausen, A 63, Fol. 2.

4 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 1234.

5 Schlossarchiv Corvey, Karte IA 35.

6 Ebd., IC 32.

7 Willy Gerking, Die Geschichte des Dorfes Niese, Pegnitz 2011, S. 23ff.

8 www.hohehaus.de/wp/hohehaus/wassermuehle (Zugriff: 11. 12. 2014).

9 Tobias Felcher, 1000 Jahre Löwendorf. Die Heimatchronik eines westfälischen Dorfes, Marienmünster 1998, S. 51.

10 Bernd Brühöfner, Gewässer in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft, Göttingen 2004, S. 538 u. S. 551.

11 So für Mitteleuropa allgemein: Wilhelm Abel, Agrarkrisen und Agrarkonjunktur. Eine Geschichte der Land- und Ernährungswirtschaft Mitteleuropas seit dem hohen Mittelalter, Hamburg u. Berlin 1966, S. 33; für das Rheinland und Westfalen: Angelika Lampen, Fischerei und Fischhandel im Mittelalter. Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen nach urkundlichen und archäologischen Quellen des 6. bis 14. Jahrhunderts im Gebiet des Deutschen Reiches, Husum 2000, S. 128ff.

12 Michael Koch, Godelheim, Ottbergen, Bruchhausen und Fürstenau, in: Höxter, Bd. 2, Höxter und Corvey im Spätmittelalter, hrsg. v. Michael Koch / Andreas König / Gerhard Streich, Paderborn 2015, S. 678ff.

13 Herbert Hitzbleck, Die Bedeutung des Fisches für die Ernährungswirtschaft Mitteleuropas in vorindustrieller Zeit unter besonderer Berücksichtigung Niedersachsens, Göttingen 1971, S. 89.

14 Abel, Agrarkrisen und Agrarkonjunktur (wie Anm. 11), S. 49ff. sowie ders., Stufen der Ernährung. Eine historische Skizze, Göttingen 1981, S. 17.

15 Karpfenteichwirtschaft, hrsg. v. d. Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft 2007, S. 23, S. 36 und S. 47 sowie https:// www.beauty-carps.de/ernaehrung-und-fuetterung-des-karpfens-in-der-zucht/ (Zugriff: 7. 6. 2017).  

16 Lampen, Fischerei und Fischhandel im Mittelalter (wie Anm. 11), S. 45. Zum Folgenden vgl. ebd.

17 Ernst Merkel, Die Geschichte des Corveyer Waldes 1930, hrsg. v. Naturkundlichen Verein Egge-Weser, 1978, S. 118.

18 Willemsen, Flurnamen (wie Anm. 1), S. 2064 m. zahlreichen weiteren Nachweisen für 1660-1661, 1717, 1746-1749, 1760 sowie 1774.

19 LAV NRW W, Kloster Brenkhausen, A 63, Fol. 2.

20 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 1219,

21 Im Gegensatz dazu meint der ehemalige corveyische Oberforstmeister Ernst Merkel, Der Fischereibetrieb der alten Reichsabtei Corvey, in: Dreizehnlinden 1941, S. 811, dass Corvey im Dorfe Fürstenau nur zwei Fischteiche angelegt habe.

22 StA Höxter, A Anh. 6a.

23 Ebd.

24 Merkel, Geschichte des Corveyer Waldes (wie Anm. 17).

25 Hanemann, Die Geschichte der Corveyer Domänen. V. Die Domäne Fürstenau, in: Dreizehnlinden v. 30. 9. 1932, S. 384.

26 Chronik Fürstenau. 200 Jahre Ortsgeschichte, hrsg. v. Heimat- und Verkehrsverein Fürstenau, Fürstenau 2000, S. 207.

27 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 1234.

28 LAV NRW W, A 877, Fol. 218.

29 LAV NRW W, A 1188, 1190, Fol. 117ff. sowie A 1191.

30 Schlossarchiv Corvey, IA 28.

31 Ebd., IA 35. 32Ebd., IC

32 (1783) und IC 23 (1796).

33 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 753.

34 Johannes Mager / Günter Meißner / Wolfgang Orf, Die Kulturgeschichte der Mühlen, Tübingen 1989, S. 126ff.

35 Hermann Kellenbenz, Die politischen Mächte und die Wirtschaft, in: Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, hrsg. v. Hermann Kellenbenz, Bd. 2, Stuttgart 1980, S. 521ff.

36 Bernhard Großfeld / Andreas Möhlenkamp, Die Mühle in Märchen und Recht, in: Neue Juristische Wochenschrift 1996, S. 1103ff.

37 Ilka Göbel, Die Mühle in der Stadt. Müllerhandwerk in Göttingen, Hameln und Hildesheim vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert, Bielefeld 1993, S. 111.

38 Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung v. 14., 21. u. 28. 9. 1807.

39 Ebd. v. 8., 15. u. 22. 12. 1806.

40 Wolfgang Leesch: Heimatchronik des Kreises Höxter, in: Wolfgang Leesch / Paul Schubert (Hrsg.), Heimatchronik des Kreises Höxter, Köln 1966, S. 190.

41 Gesetzesbulletin des Königreichs Westphalen, Erster Theil, Kassel 1808, S. 1-31.

42 Die Aufhebung des Mühlenbanns in Corvey und im Bistum Paderborn während der Existenz des Königreichs Westphalen ergibt sich auch aus der Niederschrift zur „Stahler Windmühle etc.“ im Schlossarchiv Corvey.

43 Helmut Berding, Napoleonische Herrschafts-und Gesellschaftspolitik im Königreich Westfalen, Göttingen 1973, S. 89ff.

44 LAV NRW W, Kloster Brenkhausen, A 33, N 17.

45 DGK 15/J, 6-7; 22, 5-6.

46 Willemsen, Flurnamen (wie Anm. 1), S. 45 mit Bezug auf LAV NRW W, Kloster Brenkhausen U. 147.

47 LAV NRW W, Kloster Brenkhausen, A 33, N 4: „wiesen die Grabenbreide genandt Hardt beij der Mühlen gelegen“.

48 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 1521, Fol. 105 u. 245 sowie Kloster Brenkhausen A 27/1, A 30, A 33/17 u. 33 Fol. 3.L sowie 34, Fol.1, zit. n. Willemsen, Flurnamen (wie Anm. 1): z.B. S. 45, S. 164, S. 491 und S. 994.

49 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 1236, Fol. 1ff.

50 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 1521, Fol. 105 u. 245, zit. n. Willemsen, Flurnamen (wie Anm. 1), S. 994.

51 Dazu: Regest v. 11. 3. 1573, Digitale Westfälische Urkunden-Datenbank (DWUD) (Zugriff: 24. 3. 2016).

52 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 1521, Fol. 105 und Kloster Brenkhausen, A 33, N. 9, zit. n. Willemsen, Flurnamen (wie Anm. 1), S. 45.

53 LAV NRW W, Kloster Brenkhausen, A 33, N 19, zit. n. Willemsen, Flurnamen (wie Anm. 1), S. 46.

54 Ebd.

55 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, U 1125.

56 LAV NRW W, Fürstabtei Corvey, A 31.

57 Die Einzelheiten dazu sind in dem Erläuterungsbericht zum Antrag auf Eintragung und Sicherstellung im Wasserbuch v. 12. 11. 1920 dargestellt, Kreisarchiv Höxter, B 1 Nr. 358.

58 Ebd.

59 Grundbuchangabe von 1920 gem. Kreisarchiv Höxter, B 1 Nr. 358.

60 StA Höxter, C IV 5a 67.

61 Ebd.

62 Ebd.

63 Freundliche Auskunft von Ewald Meier, heutiger Eigentümer des Paradiesmühlen-Grundstücks


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