Die Geschichte Fürstenaus

Fürstenau, eine Ortschaft im Herzen Ostwestfalen-Lippes. Erste Erwähnungen sind bereits 1241 dokumentiert.

Die Anfänge

Die Anfänge des Dorfes Fürstenau sind nicht belegt. Es ist nicht genau bekannt, wann  die ersten Menschen den Entschluss fassten, an den Auen der beiden Bäche zu siedeln, die durch den Ort fließen und sich an seinem nordöstlichen Rand vereinigen, um kurz danach in die Saumer zu münden. Der Name Fürstenau - ursprünglich "Vorstenowe" oder "Forstenowe" = Au in den Wäldern/Forsten - lässt auf eine spätmittelalterliche Ortsgründung schließen. Die Ortschaft wird zunächst weder als alte Corveysche Besitzung genannt, noch kommt sie in Archidiakonatsverzeichnissen vor. Die erste zufällige urkundliche Erwähnung erfolgte 1241 anlässlich einer Vereinbarung über Pachtzahlungen zwischen den Äbten von Marienmünster und Corvey. 

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Die Burg

Im Mittelalter waren Auseinandersetzungen zwischen benachbarten Fürsten oder Edelherren, die um  Macht- und Einflussbereiche stritten oder Rechtsansprüche durchsetzen wollten, an der Tagesordnung. Die daraus folgenden – auch kriegerisch ausgetragenen ­– Fehden  verursachten immer wieder große Schäden. Als hilfreich erwies sich der Bau von Fluchtburgen. So wurde auch Fürstenau als Standort für eine solche Burg ausgewählt. Der Corveyer Abt Theodor von Dallwigk ließ mit Zustimmung des Paderborner Bischofs im Jahre 1348 die Burg an der Nordwestgrenze seines Fürstentums errichten und versah sie mit Burgmännern, die auf Lehensbasis dienstverpflichtet waren. Die  Errichtung der Burg diente hauptsächlich als Schutzmaßnahme gegen die aus dem Schwalenberger Herrschaftsbereich eindringenden Edelherren zur Lippe. In einer Urkunde aus dem Jahr 1346 ist festgelegt, dass die Burg Fürstenau "ein offenes Schloss zu aller Nutz und Not" sein sollte, d.h. auch den Menschen, die in den Kleinsiedlungen der Umgebung lebten, diente sie bei kriegerischen Auseinandersetzungen als Fluchtburg.  Die Burg als solche jedoch hatte etwa ein gutes Jahrhundert später ihre Funktion bereits verloren oder existierte nicht mehr. Sie wird 1427 letztmalig erwähnt. Gründe und Begleitumstände dafür sind nicht hinreichend bekannt. Der Standort der Burg scheint allerdings belegt zu sein. In einem Tauschvertrag von 1657 anlässlich der Neuerrichtung der Domäne wird die Burgstelle ausdrücklich erwähnt. Es ist also davon auszugehen, dass die Standorte von Domäne und Burg gleich sind.

Das Vorhandensein der Burg mag mit zur Entwicklung des Ortes Fürstenau beigetragen haben. Denn vom Beginn des 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts dauerte in dieser Region die spätmittelalterliche Wüstungsperiode. Die Menschen, die in den zahlreichen zerstreut liegenden Kleinsiedlungen wohnten, verließen diese und siedelten sich in größeren Orten an, die in vielerlei Hinsicht bessere Überlebenschancen boten. Auch in Fürstenaus Umgebung fielen urkundlich erwähnte Orte wüst (Herrenrode, Elmerhusen, Ungrotun,  Humbolsen, Langenhagen, Leverschehagen, Kotten, Roddena, Dungen). Fürstenau konnte sich trotz seiner Grenzlage in der Folgezeit allmählich  zu einem der bedeutenderen Orte des Fürstentums Corvey entwickeln. 

Die Kirche

Ende des 16. Jahrhunderts wird Fürstenau nach der Abpfarrung vom Nachbarort Bödexen eigenständige Pfarrei. Eintragungen im Pfarrarchiv gehen bis auf das Jahr 1579 zurück. Ältere Teile des Kirchengebäudes lassen sich bis auf das Jahr 1519 zurückdatieren. Als protestantische Höxteraner Bürger bei einem Überfall im Jahre 1603 dem Ort und auch der Kirche erheblichen Schaden zugefügt hatten, wurde das Gotteshaus im gleichen Jahr wieder instand gesetzt und neu geweiht. Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Kirche umfassend renoviert und durch den Anbau von zwei Seitenschiffen zu einem Kreuzbau erweitert. Sie ist  der heiligen Anna geweiht.

Schlechte Zeiten

Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts brachte Fürstenau viel Not und Elend. Im Jahr 1607 raffte die Pest fast die halbe Einwohnerschaft des Dorfes dahin; es starben 253 Menschen. 1618 begann der Dreißigjährige Krieg.  Auch im Gebiet des heutigen Kreises Höxter fanden  kriegerische Auseinandersetzungen statt, und so war auch Fürstenau mehrfach das Ziel plündernder Truppen. Zudem brach zu Beginn der 40er Jahre eine Hungersnot aus, die nochmals 140 Todesopfer forderte. Als der Krieg 1648 schließlich sein Ende fand, war auch Fürstenau an einem Tiefpunkt angelangt.

Marktflecken Fürstenau

Nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte Fürstenaus. Durch die am 3. Februar 1652 erfolgte Ernennung zum Marktflecken sollte die Bedeutung des Ortes gestärkt werden. Abt Arnold von Waldois gestand Fürstenau gewisse städtische Rechte zu: Zwei Bürgermeister und ein Rat traten an die Spitze der Gemeinde, drei Jahrmärkte konnten abgehalten werden, und ein Brauamt wurde eingerichtet. Letzteres bedeutete eine weitgehend selbstständige Versorgung mit Bier und Branntwein, wobei Bier durchaus zu den Lebensmitteln zu zählen war. Gleichwohl muss angenommen werden, dass die Erhebung zum Marktflecken nicht den gewünschten Erfolg brachte. Aus späteren Quellen erfahren wir nichts mehr über Bürgermeister und Rat. Auch das Brauamt erlebte in den folgenden Jahrzehnten eine wechselvolle Geschichte geprägt von Interessengerangel zwischen Einwohnern und Abt. Letztlich saß erwartungsgemäß Corvey am längeren Hebel. Die Domäne übernahm die lukrative Versorgung mit den begehrten Gütern.

Jüdisches Leben in Fürstenau

Die ehemalige Synagoge

Bereits im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts finden sich Spuren der Ansiedlung von Juden in Fürstenau. Im Lauf der nächsten zwei Jahrhunderte wuchs die jüdische Einwohnerschaft bis auf 12 Familien mit 56 Mitgliedern (1846) an, und Fürstenau entwickelte sich so neben Ovenhausen*) zu einem Ort mit relativ hohem jüdischen Bevölkerungsanteil (>5%).

Ab 1773 ist ein jüdischer Friedhof „Am Judenberge“ aktenkundig, der allerdings – der Flurname weist darauf hin – schon vordem als Begräbnisstätte genutzt wurde. Ab diesem Zeitpunkt wurden vertragsgemäß auch Juden aus den Gemeinden Stahle und Albaxen dort begraben.

Nachdem als religiöser Versammlungs- und Bet-Raum zunächst nur ein Zimmer in einem der Wohnhäuser genutzt wurde, stand ab 1854 der Neubau einer Synagoge zur Verfügung. Ein Jahr zuvor war die Gründung einer Synagogengemeinde von Juden aus den Dörfern Fürstenau, Bödexen, Brenkhausen und Löwendorf erfolgt.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verringerte sich der jüdische Anteil der Einwohnerschaft Fürstenaus allmählich, u.a. durch Migration aus unterschiedlichen Gründen.

Die Fürstenauer Juden waren im Dorf weitgehend akzeptiert und zunehmend integriert. Diese Entwicklung fand ihren jähen Niedergang ab 1933, einhergend mit fortschreitender Ausgrenzung  und Entrechtung nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Das jüdische Leben in Fürstenau endete 1942 mit der Deportation und dem Verkauf bzw. der Übernahme des verbliebenen jüdischen Besitzes.

Der jüdische Friedhof Fürstenau aus östlicher Richtung
Gedenktafel am Synagogengebäude

Das jüdische Leben in Fürstenau und die Schicksale der Fürstenauer Juden sind sehr ausführlich dokumentiert.

Weitere Informationen:

Jacob Pins Forum | Spuren Fürstenau

Es gab etliche verwandtschaftliche Verbindungen zwischen der jüdischen Einwohnerschaft Ovenhausens und Fürstenaus, beispielweise auch den Mordfall des Händlers Soistmann Berend betreffend, der in der Novelle „Die Judenbuche“ von A. v. Droste-Hülshoff literarisch verarbeitet wird. Die Ehefrau des Ovenhäuser Mordopfers war eine Witwe Jente aus Fürstenau (s. Horst-D. Krus, Mordsache Soistmann Berend, Höxter 1997).

Der alte Postweg

Fürstenau liegt an einem wichtigen historischen Verkehrsweg. Die alte Poststraße Höxter-Bad Pyrmont, ein Teilstück eines schon im Mittelalter existierenden Handelsweges von Kassel nach Bremen, führte durch den Ort. Diese Nord-Süd-Verbindung kreuzte in Höxter den Hellweg, der seit Alters her ein bedeutender Ost-West-Verkehrweg war. Der Verlauf der alten Poststraße ist noch heute an Hohlwegbildungen z.B. in der Nähe der Bundesstraße 239 zu erkennen. Der Straßenname "Alter Postweg" weist auf den jetzigen Verlauf der Straße im Dorf hin. Die Gastwirtschaft "Zur Post" war die ehemalige Poststation, wo die Postkutschen Halt machten und die Pferde gewechselt werden konnten.

Der Lebensunterhalt

In der Regel lebten die Dorfbewohner von der Landwirtschaft, wobei die Schaftzucht ein Schwerpunkt war. Bewirtschaftet wurden meistens kleinere Gehöfte, die 88 Morgen (22 ha) nicht überstiegen. Lediglich die Corveyer Domäne verfügte über größere Ländereien und Waldbesitz. Die Landwirtschaft wurde traditionsgemäß als Dreifelderwirtschaft betrieben, einem verbreiteten Fruchtfolgesystem. In dreijährigem Turnus wechselten Sommergetreide, Wintergetreide und Hackfrüchte (früher beweidete Brache) miteinander ab und nahmen dabei jeweils ein Drittel der Ackerfläche ein. Da die Fürstenauer Feldflur nicht gerade überragende Bodenqualitäten aufweist, waren auch die Ernten nicht immer gut. Erst der spätere Einsatz von Kunstdünger brachte eine merkliche Steigerung der Erträge. Neben den Bauern verdienten sich Handwerker wie Tischler, Schuster, Bäcker, Schmiede, Stellmacher und Zimmerleute im Dorf ihren Lebensunterhalt. Auch einige Händler und Gastwirte boten ihre Dienste an. 

Ein wichtiger Rohstoff war zur damaligen Zeit das Holz. Man brauchte es zum Häuserbau bzw. zur Herstellung von Möbeln, Wagen und vielen Geräten. Auch als Brennmaterial benötigte jeder Haushalt jährlich eine bestimmte Menge. Die Wälder gehörten derzeit dem Fürstbistum. Daher kam der Abt des Konvikts den Bewohnern entgegen. Er beteiligte fünf seiner Dörfer am so genannten "Fünfgemeindewald". Seit 1570 war den Gemeinden Stahle, Albaxen, Bödexen, Brenkhausen und Fürstenau das Recht zugestanden, ihren Bedarf an Nutz- und Brennholz aus dem Corveyer Wald zu decken. Dieses Recht galt bis zum Jahr 1803. Danach war nur noch die freie Brennholzversorgung möglich, bis auch dieses Recht im Jahr 1891 widerrufen wurde. 

Zur Versorgung mit Trinkwasser hatte man im Dorf Brunnen angelegt, die bis zum Bau der zentralen Wasserversorgung 1954/55 ihren Dienst taten. Löschwasser entnahm man aus aufgestauten Teichen.

Das Maurerdorf

Zunehmende Einwohnerzahlen, eine wenig ertragreiche Landwirtschaft und ein begrenztes Angebot an anderen Arbeitsplätzen verursachten im Lauf des 19. Jahrhunderts Probleme. Die oft zahlreichen Kinder in den Familien konnten auf dem Hof, im Dorf oder in der näheren Umgebung keinen Arbeitsplatz finden. Andererseits weckte die Industrialisierung  in den Ballungsräumen einen hohen Bedarf an Arbeitskräften. Daher gewann beispielsweise der Maurerberuf an Bedeutung. Viele Männer aus dem Dorf  wurden Maurer und zogen "in die Fremde". Als Saisonarbeiter waren sie oft für viele Monate in der Sommerzeit von Zuhause weg an ihren Arbeitsplätzen. Die Daheimgebliebenen waren währenddessen auf sich gestellt, und die Hausfrau musste Familie, Haushalt und oft noch einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb organisieren und versorgen. Auch andere Dörfer des Corveyer Landes,  z.B. Stahle, Albaxen, Lüchtringen oder Brenkhausen, zählten zu den so genannten Maurerdörfern.

Fürstenau verändert sich

Die Entwicklung Fürstenaus im 20. Jahrhundert verlief zunächst noch ohne gravierende Änderungen des bisherigen Dorfcharakters, obwohl 1925 die damalige Hauptstraße asphaltiert wurde, und 1926/27 der Anschluss an das Stromnetz erfolgte. Leid und Entbehrungen brachten die Weltkriege, wirtschaftliche Rezessionen und Arbeitslosigkeit. Gleichwohl ging der Ort an sich relativ unbeschadet durch die Wirren der Zeit. 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges veränderte Fürstenau sein Gesicht mehr und mehr. Die Bäche wurden größtenteils verrohrt, und die Dorf- und Hausbrunnen durch Anschluss an ein Wasserleitungsnetz ersetzt (1954/55). Neue Wohnsiedlungen entstanden: "Andreasstraße", "Im Schalksfeld" und in den 70er Jahren die Siedlung "Bredefeld". Die beiden großen Dorfteiche wurden zugeschüttet. Von den neu entstandenen Flächen wird die eine als Festplatz, die andere als Spielplatz genutzt. 

1968 blieb von der Fürstenauer Volksschule nur noch die Grundschule mit den Klassen 1 bis 4 im Dorf. 1975 wurde auch die aufgelöst. Das ehemalige Schulgebäude wird nun als Kindergarten und zur Bereitstellung von Räumen für Jugend- und Vereinsarbeit genutzt. 

Im Zuge der kommunalen Neugliederung musste Fürstenau seine Selbstständigkeit aufgeben und wurde 1971 Ortsteil der Stadt Höxter. Die Ortschaft ist seitdem mit einem Sitz im Stadtrat vertreten und hat anstelle des Gemeinderats einen Ortsausschuss.

1974/75 veränderte sich das Ortsbild nochmals stark, denn die Ortsdurchfahrt, damals noch Teil der Bundesstraße 239, wurde großzügig ausgebaut. Viele alte Bäume wurden gefällt und einige Häuser entlang der Straße mussten weichen. 

1981 erfolgte die Übergabe der neu aufgeteilten Ländereien im Zuge der vorausgegangenen Flurbereinigung. Im Zuge dieser Neuaufteilung wurde auch eine Trasse für die Umgehungsstraße ausgewiesen. Diese wurde 1988 fertig gestellt. Das wiederum führte zu einem Rückbau der Ortsdurchfahrt im Jahr 1992.

Im Zuge einer Dorferneuerung in den Jahren 2003/2004 wurde im Wesentlichen der Bereich der Hohehäuser Straße neu gestaltet. Die asphaltierte Fahrbahn ist jetzt schmaler, stattdessen prägt nun die Ausgestaltung mit Pflaster, Grünanlagen und einer neuen Straßenbeleuchtung das Bild. Seit der Fertigstellung dieser Maßnahme ist der gesamte innere Dorfbereich eine verkehrsberuhigte Zone (Höchstgeschwindigkeit 30km/h).

Im Lauf der letzten 40 Jahre hat sich Fürstenau mehr und mehr vom Agrardorf zum Wohndorf gewandelt. Mittlerweile gibt es keine ortsansässigen landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetriebe mehr. Falls noch Landwirtschaft betrieben wird, geschieht dies im Nebenerwerb. 

Gleichwohl hat Fürstenau trotz der Veränderungen seine Identität nicht verloren. Nach wie vor zeichnet sich der Ort durch eine gute Wohn- und Lebensqualität aus, schon allein durch die Lage in der landschaftlich reizvollen Umgebung am Fuß des Köterberges. Eine Bäckerei, eine Metzgerei, Handwerksbetriebe im Ort und im ausgelagerten Gewerbegebiet, eine Gaststätte, eine Arztpraxis für Allgemeinmedizin und eine Zahnarztpraxis sichern eine gute Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des täglichen und des gehobenen Bedarfs. Darüber hinaus ist die Kernstadt mit Bus oder Pkw in kurzer Zeit zu erreichen. 

Das kulturelle Leben Fürstenaus gestalten im Wesentlichen die zahlreichen Vereine. Dazu gehören u.a. der Sportverein, der Spielmanns- und Fanfarenzug Fürstenau, die Freiwillige Feuerwehr, der Heimat- und Verkehrsverein, die Chorgemeinschaften und nicht zuletzt die Schützengilde von 1604, die alle zwei Jahre zu Pfingsten ihr Schützenfest feiert. 


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Heimat- und Verkehrsverein Fürstenau

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